(Lisa Wiesbrock, 02.12.2009)

The Age of Stupid

Dokumentation im KoKi in Hannover

05.12.2009 Kino im Künstlerhaus Sophienstraße 2 Hannover

The Age of Stupid

Was wir unseren Kindern und Enkelkindern zumuten, ist fast unerträglich. In ihrem Dokudrama hat die britische Dokumentarfilmerin Franny Armstrong eine Zukunftsvision konstruiert, wonach die Menschheit im Jahr 2055 an ihrem Machtstreben zugrunde gegangen ist. Klimakatastrophe, Kriege um Öl und das Schmelzen von Gletschern sind nur einige der Horrorszenarien, die die Britin darin thematisiert.

Titel: The Age of Stupid
Dokumentation

Regisseur: Franny Armstrong
Land: Großbritannien
Jahr: 2009
Länge: 92 Minuten
Sprachfassung: englisch
Untertitel: deutsch
FSK: ungeprüft

Beschreibung

mit Pete Postlethwaite

Vom Verlust der Zukunft

Was wir unseren Kindern und Enkelkindern zumuten, ist fast unerträglich. In ihrem Dokudrama hat die britische Dokumentarfilmerin Franny Armstrong eine Zukunftsvision konstruiert, wonach die Menschheit im Jahr 2055 an ihrem Machtstreben zugrunde gegangen ist. Klimakatastrophe, Kriege um Öl und das Schmelzen von Gletschern sind nur einige der Horrorszenarien, die die Britin darin thematisiert.

Während die Welt in Trümmern liegt, stellt sich ein Überlebender (Pete Postlethwaite) die besorgte Frage: "Why didn’t we stop climate change when we had the chance?". In einem riesigen Archiv in der geschmolzenen Arktis, ähnlich einem Bohrturm, in dem das Welterbe aus Museen, Bibliotheken und Datenbanken lagert, rekonstruiert er rückblickend aus dem Jahr 2055, was in der Vergangenheit die Ursachen für das menschliche Scheitern waren. Vis–à–vis mit dem Zuschauer klickt er sich auf seinem Touchscreen durch unzählige Nachrichtenmeldungen und Dokumentationen, die eine erschütternde Bilanz ergeben: Ignoranz und Machtstreben waren die Auslöser für die Katastrophe...

Was mit Nachhaltigkeit, Ökologie und Zukunftsvisionen hätte geschafft werden können, war uns Menschen wohl nicht vergönnt. Dabei gab es sie doch, die Gutmenschen, wie den hochbetagten Bergführer Fernand Pareau aus den französischen Alpen. Der unerschütterlich darauf hinwies, dass die Gletscher schmelzen, woran die globale Erwärmung Schuld sei. Der sich unbeirrbar für nachhaltigen Tourismus einsetzte und in Fahrraddemos gegen den Ausbau von Autobahnen und Tunnel protestierte. Oder den amerikanischen Paläontologen Alvin DuVernay, der für den Ölkonzern Shell tätig war. Er verlor sein gesamtes Hab und Gut im Wirbelsturm Katrina, rettete aber damals unzähligen Menschen selbstlos das Leben. Tränen stehen ihm in den Augen, wenn er an das wenige Wochen alte Baby denkt, dass dank seines Einsatzes überlebte. Die 23-jährige Medizinstudentin aus Nigeria, Layefa Malemi, hat mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen. Lebt sie doch in einer Region, die durch Umweltverschmutzung (unter anderem bedingt durch den Ölkonzern Shell) derart zerstört ist, dass die Sterblichkeitsrate extrem hoch ist und die Armut kaum zum Aushalten. Das, was Alvin verloren hat, wird Layefa niemals besitzen, auch wenn sie von Amerika träumt. Ganz andere Träume haben die irakischen Flüchtlingskinder Jamila und Adnan Bayyoud, die in Jordanien gebrauchte Turnschuhe von Amerikanern verkaufen, die täuschend echt Krieg spielen und doch nur eins wollen: Die Zusammenführung mit ihrem Bruder, der bei einem amerikanischen Missile-Angriff schwerste Verbrennungen davon trug und vergeblich versucht, vom Irak nach Jordanien einzureisen. Aber es gab auch diejenigen, die aus Profitgier mit zu der Klimakatastrophe beitrugen, wie den indischen Geschäftsmann Jeh Wadia, der 2004 die Billigfluglinie "GoAir" gründete.

Während die Perspektive des Jahres 2055 Fiktion ist und auch mit gewollt unrealistischen Bildern arbeitet, so sind alle Geschichten und Szenarien dieses Dokudramas Realität. Wie ein unsichtbarer roter Faden sind die einzelnen Leben und Schicksale miteinander verbunden. Sei es, dass die irakischen Kinder amerikanische Schuhe verkaufen, auch wenn sie durch amerikanische Soldaten ihre Heimat und ihren Vater verloren haben, oder dass der Ölkonzern Shell in Alvin DuVernays und Layefa Malemis Leben eine entscheidende Rolle spielt, so versteht es Franny Armstrong geschickt, diese Verbindungen nicht direkt anzusprechen und dennoch sichtbar zu machen. Es obliegt dem Zuschauer, seine Rückschlüsse zu ziehen. Auch, was das eigene Umweltbewusstsein und Konsumentenverhalten betrifft. Somit sitzt das schlechte Gewissen mit im Zuschauerraum und hilft vielleicht, diese Zukunftsvision nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Gerade dadurch, dass Armstrong The Age of Stupid nicht als reinen Dokumentarfilm sondern als Dokudrama gestaltet hat, rüttelt sie das Publikum verstärkt wach und trifft so manch wunden Punkt. Selbstredend hat sie während der Produktion Buch über den CO2-Verbrauch geführt und ihn auf ein Minimum reduziert. Auch die Finanzierung ihres Projektes hat sie nicht über Banken bewerkstelligt sondern durch das sogenannte crowd-funding, einer Mittelbeschaffung aus der Bevölkerung. Dass es also auch anders gehen kann, hat die Britin mit ihrer Arbeit bewiesen. Nun ist es an uns, ihrem Beispiel zu folgen. kino-zeit.de/Silvy Pommerenke

Ein Mann sitzt vor einem Bildschirm und betrachtet Videos, dokumentarische Aufnahmen aus dem Jahr 2007, Erinnerungen an die Vergangenheit. Denn Bilder sind alles, was von der Welt, wie wir sie heute kennen, geblieben ist. Im Jahr 2055 sind Städte verwüstet, die Arktis geschmolzen, das Klima ist endgültig aus dem Gleichgewicht geraten und hat jede Zivilisation in gewaltigen Katastrophen verschlungen. Der Mann stellt sich - und damit dem Zuschauer - die alles entscheidende Frage: Wie hätte der Kollaps des weltweiten Klimas verhindert werden können? moviemaze.de

Beeindruckend simpel inszenierte Zukunftsvision, in der in Rückblicken auf das heutige Treiben für und wider den Klimaschutz hingewiesen wird. Nachher ist man immer schlauer, daher wirkt der Blick aus einer (exakt so prognostizierten) Zukunft besonders sachlich und nicht panikschürend, wie oft in anderen Dokumentationen. Ein absolut empfehlenswerter Grundwissen-Film über das brennende Thema globale Erwärmung, an dem man nicht vorbeigehen sollte.

Im Jahre 2055 setzt sich ein Mann vor eine Mediendatenbank, ruft alte Nachrichtenbeiträge auf und wundert sich, wie um die Jahrtausendwende niemand merken konnte, auch welche Katastrophe die Menschheit offenen Auges zusteuerte. Am Beispiel von Menschen aus aller Welt, von Indien über Jordanien, Afrika, England und Frankreich bis in die USA wird gezeigt, welches ökologische Bewusstsein in den unterschiedlichen Bevölkerungsschichten vorherrscht. Anhand der Umweltschäden der Gegenwart, die dem Klimawandel, aber auch der Gier nach Energie zuzurechnen sind, wird gezeigt, dass die Kenntnis der Sachlage und ein Bewusstsein gegenüber dem Problem durchaus global vorhanden ist.

Doch wie der einzige Schauspieler des Films, Pete Postlethwaite, so richtig sagt, dürfte dies das erste Mal in der Geschichte des Planeten sein, dass die Nachfahren diesen nicht in einem verbesserten Zustand von uns übernehmen können. Schuld daran ist zum allergrößten Teil die Verbrennung von Öl, die über Jahrhunderte gespeicherte Sonnenenergie in wenigen Tagen freisetzt, und das meist nicht aus Notwendigkeit, sondern zum Spaß, für den "Way of Life", den man sich ausgesucht hat.

Nach dem Ende des Films wird man sich zweimal überlegen, ob man wirklich einen beleuchteten Weihnachtsmann im Vorgarten braucht, und ob man wirklich nicht Leitungswasser statt abgepacktem Importwasser trinken sollte. Auch andere Themen werden angesprochen, zum Beispiel die Produktion von Nahrungsmitteln, die Hürden beim Einrichten eines Windenergieparks, die Folgen des Ölkriegs im Irak.

Man mag denken "schon wieder so eine olle Öko-Doku, die sind ja voll in zurzeit", doch im Unterschied zu den meisten anderen Filmgenres konkurrieren Dokumentationen nicht untereinander. Jede einzelne hat ihre volle Berechtigung gegenüber dem behandelten Thema, und so kann man zum Beispiel "The Age of Stupid" nicht vergleichen mit "Eine Unbequeme Wahrheit", auch wenn das Thema exakt gleich ist.

Natürlich handelt es sich in beiden Fällen um Filme, die dem Zuschauer mehr oder weniger gefallen können, und auf diese Weise vergleichbar sind. Viel wichtiger jedoch ist die Tatsache, dass da eine Botschaft vermittelt wird, die vernommen werden sollte. Letztendlich ist der Stil einer Dokumentation nur optisches Beiwerk, das das Zuhören im Kino oder vor der Glotze leichter macht. Das wichtige ist und bleibt die Botschaft, die "Message", die einen Eindruck hinterlassen soll.

Im Falle von "The Age of Stupid" hinterlässt die Botschaft einen gewaltigen Eindruck. Denn neben der Zusammenfassung der brisanten Thematik, die der Öffentlichkeit schon bekannt ist (wenn auch oft vage), ermöglicht der einmalige Stil der Doku in Form eines Rückblicks aus der Zukunft, die Probleme anzuprangern, ohne mit dem Finger zu zeigen. Mit Gewissheit eine der besten drei Dokumentationen des Jahres, sicherer Oscar-Kandidat, Pflichtfilm für alle, von Schulklassen bis zum Seniorenausflug. Beim Nachspann sitzen bleiben! moviemaze.de/ Julian Reischl

Beginn: 20:15 Uhr
Ende: 22:00 Uhr

Kontakt

Lisa

Schlüsselwörter: Hannover Klima Kopenhagen Veranstaltung

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