Tan­zen für Kli­ma­ge­rech­tig­keit

Bei der SCP in Lüneburg tanzten knapp 300 Menschen

von Juliane Jesse (Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen e.V.)

Lüneburg. Clamartpark. Junge Leute mit Kopfhörern sitzen entspannt auf der Wiese. Die Sonne scheint. Es ist ein heißer Tag im Juni. In der Mitte der Grüppchen liegen verschiedene bunte Plakate. „Techno statt Kohle“ und „Keine Toleranz für Klima-Ignoranz“ stehen darauf. Eine junge Frau mit Ordner*innen-Binde fordert auf, sich eines der Plakate zu nehmen, während in einer Ecke noch weitere mit bunter Farbe gemalt und geschrieben werden. Neben der Statue sind Mikrofone und Lautsprecher aufgebaut. Daneben stehen Lastenfahrräder eingehüllt in Rettungsfolie; auf ihnen DJ*s mit Mischpulten. Die ersten Songs laufen schon und einige Leute fangen an zu tanzen. Es ist der Auftakt zur Silent Climate Parade 2019 in Lüneburg.

Klimagerechtigkeit jetzt!

Lennard Thale-Bombien, 24, Student der Umweltwissenschaft, Mitglieder der Klimatänzer*innen und Versammlungsleiter der heutigen Aktion: „Bereits am 03. Mai hat Deutschland die Ressourcen verbraucht, die uns ökologisch gesehen für das ganze Jahr zur Verfügung stehen sollten. Seither sind 35 Tage vergangen. 35 Tage, die wir bereits auf Kosten zukünftiger Generationen leben. Und das Jahr hat noch mehr als 200 Tage.“

„Trotz all der Rhetoriker*innen und Ideolog*innen, die den Klimawandel am liebsten zu einem kleinen Randproblem, oder sogar zur Erfindung verschrobener Wissenschaftler*innen erklären würden, hat unsere Generation den Klimawandel unaufhaltsam zu einem politischen Megathema gemacht. Wir haben gehört, wie Menschen in Mexiko, Malawi, Costa Rica und Bolivien mit Dürren, schmelzenden Gletschern, Waldbränden und Überschwemmungen umgehen. Wie manche sich gezwungen sehen, unter diesen Umständen ihre Heimat zu verlassen und den Mut aufbringen, an einem anderen Ort neu zu beginnen. Aber auch, wie sie gemeinschaftlich neue Antworten und Lösungen finden; den Klimawandel zum Anlass nehmen, sich selbst und ihre Dörfer, Viertel und Städte zu verwandeln. Wie so oft befinden wir uns als Mitteleuropäer in einer privilegierten Position. Wir haben das Glück, dass wir bisher noch nicht durch die Folgen der Erderwärmung zu derart fundamentalen Veränderungen gezwungen wurden. Dort ist der Systemwandel, für den wir heute hier auf die Straße gehen, bereits in vollem Gange, während wir hier immer noch über Dieselverbote diskutieren."

Globale Solidarität

"Wir tanzen heute durch die Straßen Lüneburgs, damit dieser Wandel in globaler Solidarität geschieht – im vollen Bewusstsein unserer Verantwortung gegenüber den Menschen, die unsere Privilegien nicht teilen. Wir fangen jetzt an, in jener Sprache zu sprechen, die die Machthaber*innen in Politik und Wirtschaft verstehen: die der Irritation. Wir bringen die alte Ordnung der Dinge durcheinander. Es ist Zeit für radikal kreative und gewaltfreie Aktionsformen, die den Alltag der Untätigen stören! Zeit, ungemütlich zu sein für rückwärtsgewandte Politiker*innen. Lasst uns gemeinsam die Untätigkeit in Grund und Boden tanzen! Lasst uns gemeinsam für Bewegung sorgen, wo die Politik stillsteht!“

Die Masse setzt sich in Bewegung und zieht zum zentralen Platz „Am Sande“. Alle tragen Kopfhörer und hören Musik. Alle tanzen. Doch nach außen hin ist es still. Plötzlich eine Drehung. Sie gehen in die Hocke und wieder nach oben. Eine kleine Choreografie. Sie rufen: „Was wollen wir? Klimagerechtigkeit! Wann wollen wir die? Jetzt!“ Lachend zieht die Demonstration weiter. Vor dem Rathaus am Marktplatz hören sie auf zu tanzen. Sie bilden einen Kreis. Eine Geschichte wird dargestellt – ebenso still wie der Klimawandel. Über den Kopfhörer erhalten die Teilnehmer*innen die entsprechenden Regieanweisungen. Es funktioniert: Die Aktion zieht Aufmerksamkeit. Vorbeilaufende Passant*innen schauen interessiert zu; fragen nach. Sie erzählen von ihrem eigenen Engagement fürs Klima und bestärken die jungen Menschen in ihrem Handeln.

Tanz mal drüber nach!

Die Menge zieht weiter tanzend durch die Lüneburger Innenstadt. Neue Gesichter kommen hinzu, andere gehen. Wer spontan mitmachen will, kann sich einfach einen Kopfhörer ausleihen und dann zur Wunschmusik mittanzen. Ein weiterer Stopp am Lambertiplatz. Es werden bunte Kreiden verteilt, mit denen Forderungen auf Straße und Gehwege geschrieben werden. „Weniger kaufen – mehr leben“, steht dort. „Weniger sinnloses Artensterben“. Ein paar davon werden laut gerufen. „Tanz mal drüber nach“, schreit die Menge. Und so laufen sie weiter bis sie zurück zum Clamartpark kommen.

Von der gemeinsamen Aktion euphorisiert, trotzen sie der Hitze und lauschen den Worten der Abschlusskundgebung. Auch im nächsten Jahr soll es wieder eine Silent Climate Parade geben. Doch bis dahin gilt es, nicht zu warten. Denn Aktion in und um Lüneburg gibt es viele. Die Plattform wechange.de wird als Lüneburger Vernetzungspunkt vorgestellt. Außerdem liegen weitere Transparente auf dem Gras. Bei der anschließenden „Initiativenwiese“ stellen sich einige Gruppen vor. Es wird gelacht, sich vernetzt und eine gemeinsame Vision von einer besseren Zukunft gemalt.


Dei Silent Climate Parade fand in Kooperation mit Fridays for Future Lüneburg statt. Sie wurde im Rahmen des Förderprogramms Generation³ aus Mitteln des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung gefördert. Sie wurde unterstützt durch das Eine Welt-Promotor*innen-Programm in der Region Lüneburg.