Udo Iwan­nek im Ge­spräch

Der Pressesprächer der ÜSTRA über Klimaschutz, kostenlosen ÖPNV und Visionen für Hannover.

Verkehr und Klimaschutz – passt das überhaupt zusammen? Um das herauszufinden, habe ich mich mit Udo Iwannek, seit 2001 Pressesprecher und Leiter der Unternehmenskommunikation der ÜSTRA, getroffen. Wie die meisten von uns wohne ich in Hannover und fahre tagtäglich mit den Bussen und Bahnen des größten Verkehrsunternehmens in Niedersachsen. Aber wie steht es mit der Nachhaltigkeit? Im Interview erfahrt Ihr, was die ÜSTRA (Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG) bereits in diesem Bereich tut und was für die Zukunft geplant ist.

Udo Iwannek (Pressesprecher der ÜSTRA) Kilian Genius

Kilian Genius: Die ÜSTRA ist ein Traditionsunternehmen. Sie haben im vergangen Jahr sogar den 125. Geburtstag Ihres Unternehmens gefeiert. Wie lassen sich Tradition und Zukunft gerade im Hinblick auf Umweltschutz miteinander verbinden?

Udo Iwannek: Die ÜSTRA ist seit ihrer Gründung ein Unternehmen gewesen, das sehr offen für Innovationen war und eine große Dynamik hatte, wenn es darum ging, selber Innovationen zu entwickeln und weiterzuverfolgen. Das ist etwas, das wir aus der Vergangenheit in die Zukunft mitnehmen wollen. Um ein Beispiel zu nennen: die ÜSTRA hat um die Jahrhundertwende in wenigen Jahren ihr gesamtes Stadtbahnnetz elektrifiziert, das heißt, wenn heute der ein oder andere Politiker die Elektromobilität entdeckt, dann müssen wir immer ein bisschen schmunzeln, weil wir Elektromobilität schon seit über 100 Jahren haben. Wir wollen aber auch in Zukunft Motor der E-Mobilität sein, deswegen gibt es bei uns den Plan, in den nächsten fünf Jahren den gesamten innerstädtischen Busverkehr rein mit E-Mobilität zu bewältigen. Wir versuchen die Geschichte nicht nur als eine Art Museum zu betrachten, sondern aus der Geschichte zu lernen, wie man mit Innovationen den Fortschritt nutzen und die Lebensverhältnisse in der Stadt verbessern kann.

Kilian Genius: In Ihren Broschüren ist zu lesen, dass die ÜSTRA global denken und lokal handeln will. Was können wir uns darunter vorstellen?

Udo Iwannek: Beim Klimaschutz ist es generell so, dass man von Naturkatastrophen hört und dann Wissenschaftlern sagen, dass solche Naturkatastrophen in Zukunft zunehmen werden. Das ist ein Problem des Klimawandels. Der Einzelne fühlt sich dann erstmal völlig ohnmächtig. Was soll ich denn jetzt gegen einen Hurrikan oder eine Dürreperiode am anderen Teil der Welt tun? Aber ich kann mit meinem eigenen Verhalten, da wo ich lebe, also lokal, etwas gegen diese globalen Veränderungen tun. Das ist ja das Interessante – der Klimawandel ist von Menschen gemacht und kein Naturereignis. Das ist etwas, das von Menschen gemacht wird und deswegen kann es auch von Menschen geändert werden. Jeder kann in seinem persönlichen Verhalten einen Beitrag dazu leisten, den Klimawandel zumindest zu verlangsamen. Und dann muss ich mich als Einzelner auch nicht mehr hilflos fühlen.

Kilian Genius: Die ÜSTRA ist mit über 170 Millionen Fahrgästen im Jahr der leistungsstärkste Dienstleister für Nahverkehr in Niedersachsen. Sind Sie sich Ihrer Vorbildfunktion für andere Großstädte in Niedersachsen bewusst und was können sich andere Städte abschauen?

Udo Iwannek: Wir wollen keine Besserwisser sein. Ich kenne die Kollegen in anderen Städten und dort wird in den Verkehrsunternehmen hervorragende Arbeit geleistet. Natürlich gibt es mehrere Städte in Deutschland, die noch wesentlich mehr Fahrgäste befördern. Also was die reine Quantität angeht, spielen wir nicht in der gleichen Liga wie München, Berlin oder Hamburg. Aber wir können uns durchaus mit anderen Großstädten vergleichen, wie Stuttgart oder Frankfurt. Ich weiß nicht, ob man von uns etwas lernen kann, aber bei uns gibt es eine konsequente Ausrichtung auf Nachhaltigkeit, die bei uns sehr wichtig ist und zwar in allen Aspekten. Nicht nur die ökologische Nachhaltigkeit, sondern auch die ökonomische und soziale Nachhaltigkeit sind unser Unternehmensziel. Das ist ja schon mal mehr, als wenn ich nur sage „Ich will, dass meine Bahn meine Fahrgäste pünktlich und komfortabel von A nach B bringt.“. Das ist ein Ansatz, den wir seit vielen Jahren haben, weil wir mit dem Nahverkehr auch eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen. Ich glaube, dass die Gerichtsentscheidung zu den Fahrverboten für Dieselfahrzeuge einen ganz grundlegenden Einschnitt bedeutet. Das ist mehr als nur „Jetzt müssen wir mal hier Plaketten machen oder eine Straße sperren.“ Ein vollkommenes Umdenken in der Verkehrspolitik ist notwendig. Die Verkehrspolitik der der letzten zehn Jahre ist gescheitert. Man hat versucht, Probleme auszusitzen und zu ignorieren. Das Problem ist, dass der Autoverkehr in unseren Städten, so wie er betrieben wird, gesundheitsschädigend ist. Das ist etwas, das man nicht vom Tisch wischen kann. Das erfordert Handeln und zwar jetzt! Viele Jahrzehnte lang ist in der Bundesrepublik Verkehrspolitik reine Autopolitik gewesen, das ist vorbei. Das Auto ist keine Lösung für die Verkehrsprobleme einer Großstadt, das sieht man ganz deutlich. Da ist der Nahverkehr eine ganz wichtige Alternative neben zu Fuß gehen und Rad fahren. Wir sehen uns natürlich vor allem in der Verantwortung für mobilitätseingeschränkte Menschen. Auch die haben ein Recht auf Mobilität und diesen Rechtsanspruch lösen wir eben ein. Und das heißt auch, dass wir unseren Verkehr barrierefrei anbieten.

Kilian Genius: Jetzt haben wir gerade schon das Thema „ÜSTRA & Hannover im Vergleich zu anderen Städten“ angeschnitten. Nun etwas größer gefasst, mit Blick auf Niedersachsen: Gibt es Bundesländer, die bei nachhaltiger Mobilität schon weiter sind oder ist Niedersachsen in diesem Bereich Spitzenreiter?

Udo Iwannek: Die Besonderheit von Niedersachen ist, dass es von der Fläche her ein sehr großes Land ist. Es gibt Ballungszentren, wie Hannover oder den Raum um Braunschweig, aber es gibt auch sehr große ländliche Gebiete, die unterschiedliche Mobilitätskonzepte erfordern. In der Region Hannover leben fast 1,5 Millionen Menschen und Verkehrsprobleme, wie gerade das beschriebene Autoproblem, tauchen vor allem in den Ballungsräumen auf. Niedersachsen ist eben auch ein Autoland. Ein sehr großer Automobilhersteller sitzt hier und befindet sich zu 25 Prozent in der Hand des Landes, er ist der größte Arbeitgeber Niedersachsens. Deswegen wird hierzulande auf die Belange der Automobilindustrie und deren Arbeitsplätze große Rücksicht genommen. Man muss das nicht verdammen. Der Automobilhersteller hier in Niedersachsen ist dabei, Konzepte für Carpooling zu entwickeln. Das sind alles Schritte in die richtige Richtung. Es geht uns nicht um eine Gegnerschaft mit der Automobilindustrie, sondern um eine Zusammenarbeit. Denn Nahverkehr hat eine natürliche Grenze: die letzte Meile. Ich komm zwar gut von A nach B, wohne aber nicht direkt an der Haltestelle. Heißt, ich muss immer noch ein paar hundert Meter gehen. Kooperationen mit anderen Verkehrsmitteln können dann dazu beitragen, möglichst umweltschonend diese letzte Lücke zu schließen. Da sind wir auch in Gesprächen mit eben diesem großen Automobilhersteller, der eine Tochterfirma hat. Da wollen wir wenn möglich kooperieren. Das ist dann auch, wenn Sie so wollen, etwas typisch Niedersächsisches.

Kilian Genius: Sie haben bereits zu Beginn unseres Gespräches erwähnt, dass Sie in den nächsten fünf Jahren nur noch Elektrobusse in Hannover einsetzen wollen. Im Jahr 2016 gingen die ersten drei Elektrobusse der ÜSTRA in den Linienbetrieb. Wie sieht es heute, zwei Jahre später, mit E-Bussen in Hannover aus? Sind Sie mit der Testphase zufrieden oder gibt es Probleme, die man beheben muss?

Udo Iwannek: Wir sind da in einem ständigen Austauschprozess mit dem Hersteller. Wir haben in Hannover mit „enercity“ ein Unternehmen, mit dem wir erstmal verbunden sind, weil wir in derselben Holding, in der VVG sind. Die „enercity“ ist ein toller Partner, wenn es um Ladeinfrastrukturen und solche Dinge geht. Als wir angefangen haben, mussten wir natürlich eine gewisse Lernkurve nehmen, das ging aber doch sehr schnell. Wir haben mittlerweile die Kinderkrankheiten so weit wie möglich ausgemerzt, sodass alle drei Elektrobusse, die wir haben, problemlos laufen. Jeder kann sich auf der Linie 100 und 200 ein Bild davon machen, was Elektromobilität bedeutet. Das ist ja ein ganz anderes Fahrgefühl. Ein Verbrennungsmotor benötigt Umdrehungen, um ein Drehmoment zu entwickeln. Ein Elektromotor hingegen hat das volle Drehmoment von der ersten Umdrehung an. Die Fahrzeuge wirken erstmal sehr kräftig und antrittsstark und haben gleichzeitig fast keine Geräuschemissionen. Die Elektromobilität schont die Umwelt in mehrfacher Hinsicht. Neben den Abgasproblemen gibt es auch das Lärmproblem. Gerade die Linien 100 und 200 fahren durch enge Wohngebiete. Insgesamt sind wir mehr denn je begeisterter Anhänger der Elektromobilität. Das setzt natürlich auch voraus, dass der Strom, den wir verwenden, CO2 frei erzeugt wird. Es macht ja wenig Sinn, einen Elektrobus zu fahren und der Strom kommt aus dem Braunkohlekraftwerk (lacht). Dann ist der Umwelt damit nicht geholfen. Wir kaufen seit 2015 nur noch Ökostrom bei „enercity“ und insofern können wir wirklich mit Fug und Recht behaupten, dass unsere Stadtbahn 100 Prozent emissionsfrei ist und da soll der Bus natürlich dazukommen. Limitierende Faktoren sind die Hersteller. Die Batterietechnik ist der Schlüssel dabei. Wenn Sie einen Elektrobus kaufen, ist das mit Abstand teuerste Bauteil die Batterie. Deutschland hat keine eigene Industrie, was solche Batterien angeht, da gibt es noch viel Nachholbedarf. Unsere Busse kommen aktuell aus Polen, von „Solaris“. Man muss nur gucken, wenn jetzt viele Städte gleichzeitig Elektrobusse wollen, dass es dann ein bisschen eng werden kann. Die Hersteller, mit denen wir zu tun haben, stellen mittlerweile über 1000 Elektrobusse im Jahr her. Der Zug ist also nicht mehr aufzuhalten.

Kilian Genius: Nun ist auch zu lesen, dass die Bahnen und Busse der ÜSTRA ihre eigene Energie produzieren. Wie genau funktioniert das?

Udo Iwannek: Das ist etwas, das wir schon vor etlichen Jahren bei der Stadtbahn entwickelt haben. Stadtbahnen mussten schon immer bremsen. Dabei verbrauchen sie keine Energie, sondern sie erzeugen welche. Der Elektromotor wird dann zum Generator. Wie bei einem Dynamo am Fahrrad wird dann plötzlich Strom erzeugt. Früher hat man das einfach über Kondensatoren über das Fahrzeugdach als Wärme abgegeben. Das ist auch der Grund, warum es in den U-Bahnstationen immer so warm ist. Sonst hat da keiner was davon. Und wir haben gedacht, dass man mit der Energie auch etwas anderes machen kann und haben dann eine Technik entwickelt, mit der die Bremsenergie in die Oberleitung zurückgespeist wird. Damit erzeugen wir bis zu 30 Prozent unserer Energie selbst. Das ist einfach ein sinnvollerer Umgang mit (Brems-)Energie, die schon immer da war. Das machen auch die Hybridbusse, die wir haben. Wir kaufen ja schon seit Jahren keine Dieselbusse mehr, sondern sind zu dieser Zwischentechnologie übergegangen.

Kilian Genius: Jeder Busfahrer der ÜSTRA erhält eine spezielle Schulung im energiesparenden Fahren: das sogenannte Ecotraining. Was kann man sich darunter vorstellen und welche Vorteile bietet es?

Udo Iwannek: Das soll nochmal den Energieverbrauch reduzieren. Diesen Energieverbrauch können Sie als Fahrer ganz wesentlich mitbestimmen. Wenn Sie immer sehr heftige Start- und Beschleunigungsvorgänge durchführen und genauso hart abbremsen, dann ist das nicht energiesparend. Wenn Sie vorausschauender fahren, sanfter beschleunigen und auch wieder langsamer und vorausschauender bremsen, dann können Sie da schon einiges an Energie einsparen. Und Sie müssen auch gar nicht die Bremssysteme aktivieren, sondern können oft einfach mit der Hilfe des Elektromotors bremsen. Also wenn Sie den Fuß vom Gas nehmen, in diesem Fall Strom, läuft der Wagen gegen den Elektromotor. Der funktioniert wie ein Widerstand ist und der bremst das Fahrzeug ab. Gleichzeitig treiben Sie den Elektromotor als ein Generator an, damit wieder Strom in die Batterie oder Oberleitung geht. Damit kann man toll Energie sparen und das bringen wir den Fahrern bei. Das ist vor allem vorausschauendes Fahren, das gleichzeitig auch für die Fahrgäste angenehm ist, weil es eine ruck- und stoßfreie Fahrweise bedeutet. Ich werde da also nicht in den Sitz gepresst, weil der Fahrer beschleunigt (grinst).

Kilian Genius: Bereits zu Beginn des Interviews haben wir kurz über das Unternehmensziel der ÜSTRA gesprochen - die emmisionsfreie Mobilität. Wie und bis wann wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Udo Iwannek: Das ist zumindest in der Innenstadt in fünf Jahren das Ziel. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, aber so ist das halt mit Zielen – man setzt sich welche und wenn man am Ende knapp drunter bleibt, hat man aber trotzdem eine Motivation erzeugt und eine Vorgabe gegeben. Wenn daraus dann sechs oder sieben Jahre werden, ist das vielleicht auch nicht so schlimm. Aber das Ziel ist klar: in fünf Jahren einen innerstädtischen Busverkehr zu haben, der mit Elektromobilität bewältigt wird. Das wäre dann zusammen mit der Stadtbahn komplette Emissionsfreiheit in der Innenstadt, wo sie am meisten benötigt wird. Da sind die Probleme mit Autoabgasen am allergrößten. Wir fahren ja auch ein bisschen ins Umland hinein. Außer nach Hannover fahren wir auch nach Garbsen, nach Laatzen und Langenhagen. Da werden die Strecken teilweise etwas länger – da macht ein Hybridbus hier und da auch Sinn. Aber in der Innenstadt ist der Elektrobus für uns das Mittel der Wahl.

Kilian Genius: Wie gerade schon von Ihnen erwähnt, fährt die ÜSTRA auch nach Garbsen, Laatzen und andere Städte in der Region Hannover. Hat die ÜSTRA vor, dort ihr Netz weiter auszubauen? Gerade in den ländlicheren Gegenden sind die Anbindungen noch nicht optimal. Was dürfen wir da in der Zukunft erwarten?

Udo Iwannek: Der Ausbau des Streckennetzes ist eine verkehrspolitische Entscheidung. Ich bin immer sehr dafür, dass diese Entscheidungen von der Politik getroffen werden. Denn Politiker können sie wählen und abwählen, wenn Sie nicht einverstanden sind. Die ÜSTRA können Sie ja nicht wählen, die ist halt da, ob Ihnen das nun passt oder nicht. Bei Dingen, wie Streckenausbau und „Wer kommt als erster dran, wer muss sich hinten anstellen“, können wir die Politik beraten und Informationen liefern. Es gibt mehrere Projekte der Region Hannover und der Infrastrukturgesellschaft. Ganz klar ist aber auch, dass es wirtschaftlich sein muss. Nicht alles, was wünschenswert ist, ist auch finanzierbar. Das ist die Aufgabe der Politik, da einen Kompromiss zu finden. Man könnte natürlich mit sehr viel mehr Geld auch sehr viel mehr machen. Das ist ja auch so ein Punkt bei der Diskussion der Bundesregierung, die plötzlich die Idee gehabt hat, kostenlosen Nahverkehr anzubieten. Erfahrungen in anderen Städten, die tatsächlich einen Nulltarif haben, zeigen, dass wenn man nichts verbessert, außer des Nulltarifs, holt man eher Fußgänger und Radfahrer in die Bahn, aber nicht so sehr die Autofahrer. Das Auto, so schädlich es für die Stadt sein mag, hat einen großen Vorteil: es ist auf den ersten Blick ziemlich simpel. Sie haben da zu Hause auf der Kommode so einen Autoschlüssel liegen, vor der Tür steht das Auto und Sie brauchen eigentlich nur noch einzusteigen und zu entscheiden, wohin es geht - das bietet natürlich ganz viel Komfort. Wir glauben aber, dass in Zeiten des Internets und der mobilen Kommunikation, viele der Probleme des Nahverkehrs lösbar sind. Das muss auch das Ziel sein. Es ist, glaube ich, viel wichtiger, dass wir es hinkriegen, dass Nahverkehr genauso einfach wird wie das Autofahren. Einfach nur noch einsteigen und losfahren. Dann kann man sehr viel erreichen.

Kilian Genius: In Ihrer Antwort konnte man schon heraushören, dass Sie kein allzu großer Fan des kostenlosen Nahverkehrs sind. Nun hat das Thema in den letzten Wochen die Medien dominiert und es wurde viel darüber diskutiert, ob so etwas auch bei uns denkbar wäre. Wie stehen Sie zum kostenlosen ÖPNV in Hannover?

Udo Iwannek: Also kostenlosen Nahverkehr gibt es ja gar nicht. Der kostet immer Geld. Wir müssen Energie kaufen und unsere Mitarbeiter vernünftig bezahlen. Das beides gibt es nicht plötzlich umsonst. Die Frage ist nur, wird es von den Benutzern über ein Ticket finanziert oder wird es von der Allgemeinheit über Steuergelder finanziert? Was wir jetzt haben, ist eine Mischform. Grob kann man sagen, dass zwei Drittel von den Fahrgästen und ein Drittel vom Steuerzahler kommen, damit die Fahrpreise nicht zu hoch sind. Für kostenlosen Nahverkehr muss auf einmal viel Geld von der öffentlichen Hand an die Verkehrsunternehmen fließen, das sind enorme Beträge. Das addiert sich dann bundesweit ganz schnell zu zweistelligen Milliardenbeträgen. Dann ist auch die Frage, ob kostenloser Nahverkehr für jedermann sozialgerecht ist. Der Multimillionär fährt genauso umsonst wie der arme Schlucker. Die Region Hannover hat sich da ja auch schon sehr skeptisch gezeigt. Wir sind da auch eher skeptisch. Trotzdem muss mehr für den Nahverkehr getan werden.

Kilian Genius: Ganz umsonst geht es natürlich nicht. Wenn man sich allerdings Städte wie Wien anschaut, wo man für einen Euro pro Tag Bus und Bahn fahren kann, im Rahmen einer Jahreskarte – 365 Euro für 365 Tage. Wie stehen Sie dazu?

Udo Iwannek: Auch Wien hat nicht nur am Preis gedreht. Dort hat man den Autoverkehr systematisch aus der Innenstadt vertrieben, indem sie die Autofahrer richtig gequält haben. Parkraum wurde verteuert und der Straßenraum für Autos verknappt. Die haben den Leuten jeden Spaß am Autofahren ausgetrieben. Wenn man das will, funktioniert das. Da muss aber auch der politische Wille dafür vorhanden sein. Zürich ist genauso ein Beispiel. Wenn Sie in Zürich im Stadtgebiet neu bauen, dürfen Sie keine zusätzlichen Parkplätze bauen. Das Angebot an Parkplätzen wird künstlich knapp gehalten und die Autofahrer zahlen da in der Innenstadt für Parkplätze auch Marktpreise. Das wird nicht wie bei uns subventioniert. Sie zahlen in Zürich für einen Parkplatz 400 oder 500 Euro im Monat. Das ist, als würde man sich in Hannover eine kleine Wohnung mieten. So ein Auto braucht ja auch, wenn es da steht, locker 15 Quadratmeter Fläche. Und ein Fußgänger oder Radfahrer braucht nicht so viel. Die Fläche ist begrenzt. Warum machen wir aus unseren Innenstädten nur riesige Parkflächen? Also attraktiv ist das ja nicht. Da müsste sich im Denken aber noch einiges verändern, bis wir Wiener oder Züricher Verhältnisse haben.

Kilian Genius: Lassen Sie uns zum Abschluss noch ein wenig von der Zukunft träumen. Selbstfahrende E-Busse und Bahnen, die mit WIFI ausgestattet sind – wird das in 10 Jahren schon Normalität sein?

Udo Iwannek: Wir glauben, dass es in der Mobilität eine Revolution geben wird und die auch schon im Gange ist. Natürlich werden die Stadtbahn und der Bus auch in zehn Jahren noch das Rückgrat sein, aber Drumherum wird es Sachen geben, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können. Das ist einfach so. Das ist Teil der digitalen Industrierevolution, die andere Branchen wie die Musikindustrie oder auch der Tourismus längst erlebt haben. Das führt zu einer tiefgreifenden Veränderung, und warum sollte ausgerechnet die Mobilität davon verschont bleiben? Es wird nach wie vor Stadtbahnen geben, denn die Stadtbahn ist einfach ein unglaublich leistungsfähiges System, gerade auch in Hannover, wo sie große Menschenmengen bewegt. Ich glaube, die Verkehrsunternehmen müssen diese Revolution nicht komplett selber erfinden, dafür wird es viele Kooperationen geben. Mobil zu sein wird sehr viel einfacher. Das Auto wird zwar immer noch eine Berechtigung haben, aber es wird nicht mehr diese Dominanz in unseren Städten besitzen, die es jahrzehntelang gehabt hat.